Kommunikation im Gerichtssaal der Öffentlichkeit

Hinter verschlossenen Türen?

Die mediale Berichterstattung aus dem Gerichtsaal und über Rechtsfälle hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Wie stark sind dadurch die Betroffenen wie Angeklagte, Zeugen, Anwälte und Gerichtsvertreter beeinflusst und stehen unter Druck? Diesen Fragen ging der von BPRG und SPRI gemeinsam organisierte Anlass nach.

Roland Binz zeigte in seinem Referat an Beispielen, wie unterschiedlich Angeklagte und Anwälte mit den Medien kommunizieren. In den Fällen «Erb» und «Bank Wegelin» wird die Strategie «no comment» praktiziert. In den Fällen „«Immunität Blocher» wird viel, aber oftmals ungeschickt kommuniziert. Aus Sicht von Roland Binz ist es klüger, hinzustehen und offen zu kommunizieren. Nur so können die eigenen Argumente dargelegt werden. Auch wenn dies zu vielen negativen Schlagzeilen und Berichten führt. Aber danach legt sich im Normalfall der mediale Sturm. Lückenhafte Statements oder Ignorieren sind für die Medien gute Gründe, die Recherchen weiterzuführen und die Geschichten verschwinden nicht aus dem Fokus.

Verändertes Rechtsempfinden
Der Fall «Hildebrand» zeigt, dass sich das Rechtsempfinden durch den medialen Wirbel verschiebt. Weil Hildebrand seine Unschuld nicht beweisen konnte, trat er zurück. Unser Rechtssystem basiert jedoch auf dem Grundsatz, dass der Ankläger die Schuld beweisen muss und nicht der Beschuldigte seine Unschuld. Die Beeinflussung der gerichtlichen Abläufe durch Social Media sind nicht zu unterschätzen, hält Matthias Schwaibold fest. Wenn Anwesende im Gerichtssaal die wartenden Zeugen via Twitter über die laufende Verhandlung informieren, hat dies sicher einen Einfluss auf den Verlauf von Verhandlungen. Deshalb muss aus seiner Sicht die Gesetzgebung an die neuen medialen Gegebenheiten angepasst werden. Matthias Schwaibold ist der Ansicht, dass Anwälte nicht in der Öffentlichkeit kommunizieren sollten. Dies sei nicht ihre Kernaufgabe und deshalb oftmals kontraproduktiv für den laufenden Fall. Er stellt jedoch auch fest, dass heute die jüngeren Anwälte einen ganz anderen Umgang mit den Medien pflegen, als es seine Generation tut.

Roland Binz wiederum ist der Meinung, dass professionelle Kommunikation den Verlauf eines Rechtsfalles nicht gross beeinflussen kann. Unprofessionelle oder Nicht-Kommunikation jedoch sehr wohl, weil die Medien selber zu recherchieren beginnen und sich der Fall aufschaukeln kann. Für Matthias Schwaibold ist die Zunahme der kommunikativen Tätigkeiten rund um Gerichtsfälle eher beunruhigend. Er sieht dadurch die Autonomie des Rechtssystems gefährdet.

Marianne Blaser, Vorstand BPRG
 

Donnerstag, 14. Juni 2012 18.30
Lokalität: 
Amtshaus, Assisensaal, Hodlerstrasse 7, 3000 Bern